Hanne Zech // Sabine Straßburger

Wer die Entwicklung der Malerei von Sabine Straßburger im vergangenen Jahrzehnt verfolgt hat wird feststellen können, dass in ihrem Werk zwei Ebenen der Malerei durchgängig eine gleichwertige Rolle spielen. Es ist zum einen die analytisch-konzeptionelle Dimension in der Behandlung des Stellenwertes bzw. der In-Frage-Stellung der konstruktiven und konstitutiven Elemente des Bildes wie Bildraum, Fläche, Binnenformen, Format. Zum anderen die Malerei, wie sie sich in der Materialität, der Struktur und Textur oder der verschiedenen Wirkungen der Farbe äußert.
Die Bilder zu Beginn der 90er Jahre sind oft wie Reihungen oder Additionen mehrerer Einzelbilder angelegt. Es dominieren Hell-Dunkel-Kontraste und ein subtiler, meist mehrschichtiger Farbauftrag, der die Verhaltensweise der Farbe auf verschiedenen Gründen — als Transparenz, Überlagerung oder Abstoßung — thematisiert. Das Motiv auf den einzelnen Bildtafeln sind Zeichen, die an Schrift oder archaische Symbole erinnern, Die Bilder suggerieren Lesbarkeit, sowohl in Bezug auf die Entzifferung der Zeichen als auch in Bezug auf ihre Abfolge als Leserichtungen. Das Bildganze setzt sich so — vergleichbar einem Satz oder Wort — wie eine quasi lexikalische Einheit zusammen. 1993 schreibt Guido BouIbouIIé über die Bilder von Sabine Straßburger von einer «Ambivalenz zwischen einer gleichermaßen figurativen wie diskursiven Wahrnehmung [---] Sie können als materiale Farbkörper und als symbolische Zeichen zugleich gesehen werden.«
In den vergangenen Jahren hat die Auseinandersetzung zwischen malerischer Farbschichtung und abstrahierenden Zeichen nicht nur eine schärfere Kontur angenommen, sondern auch eine weitere Dimension. Immer häufiger verwendet Sabine Straßburger keine individuellen Zeichen, die mit Symbolen oder Text in Verbindung zu bringen sind, sondern solche, die ein hohes Maß an Konventionen enthalten und einen Ort oder Raum definieren, so wie Passermarken, Kreuze, Klammern, Maßeinheiten oder die Schutzecken eines Rahmens, Das Zeichen steht also nicht mehr allein für sich oder in Bezug zu anderen Zeichen, sondern verweist auf die Ebene eines konventionellen Umganges mit Begrenzungen und Definitionen von Fläche oder Raum. Die analytisch-konzeptionelle Auseinandersetzung verlagert sich hin zu den Maßstäben, mit denen wir den Raum, den Ort des Bildes bemessen, das ja nicht mehr die Abbildung der äußeren Welt ist, die in einem Rahmen eingefangen wurde.

zech-teel

teel   1998 120x180cm, 2-tlg Öl, Pigmente / Leinwand

Die Linien — als Ecken, Teilkreise oder Kreuze — auf Sabine Straßburgers Bildern sind die minimalsten Definitionen zur Markierung einer Fläche. Es ist eine Grenzziehung zwischen Innen- und Außenraum, wobei wir gewohnt sind, die innere Fläche dem eigentlichen Bildgeschehen zuzuordnen. Der Bildraum ist damit zwar als Fläche definiert er bleibt aber zugleich offen. Die Zeichen sind nach beiden Seiten hin auch Verweis auf die Flächen mit ihrem subtilen, unregelmäßigen Farbauftrag, dessen Iasierende Schichten Tiefe erzeugen.
Wenn die Eckpunkte einer Fläche als Kreuzform markiert werden, so ist das vergleichbar mit dem, was wir beim Fotografieren kennen, wenn der Bildausschnitt markiert wird, weil das, was wir durch die Linse sehen, über den tatsächlichen Bildausschnitt hinausgeht. Der Bildraum wird in einigen Arbeiten sogar über die Leinwand hinaus definiert. Bei den Diptychen oder den vierteiligen Bildern wird selbst der Raum zwischen den Leinwänden zum Bild,
In den Bildern dieser Ausstellung greift Sabine Straßburger erneut das Thema der Konventionen, der Maßeinheiten auf, die unsere Wahrnehmung des Bildes bestimmen, und setzt sie in Bezug zu den vielschichtigen Farbräumen.
Jede Norm, jede Konvention dient dazu, Dinge schnell miteinander vergleichbar zu machen, Jede Norm bedeutet auch, dass bestimmte Merkmale des Produkts in den Vordergrund gestellt werden und der Inhalt zweitrangig wird. Auch Bildformate unterliegen bestimmten Normmaßen, die man »individuelles Standardformat« nennt. Sabine Straßburger verwendet in ihren Werken französische Standardformate, wie sie vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart üblich waren. Es sind Formate für das Genre »Porträt«, «Landschaft« und »Marine«. Sie setzt diese Formate als umgrenzte Fläche wie ein Bild im Bild ein, wobei sich ihr eigenes Bildformat frei dazu definiert. Die beiden Bildflächen werden in unterschiedlichen Heiligkeitswerten ähnlicher Farbwerte zueinander gesetzt. Das französische Format ist meist im unteren Bildteil stark an den Rand positioniert, sodass die Dynamik der Diagonale wie ein Hinaus- drängen dieser Fläche aus dem Bildganzen wirksam wird.

zech-nr.30-frz.-portraet

Nr. 30 [frz. Porträt]   1999 90x120cm Öl / Leinwand

Der Standardisierung des Formats entspricht die Normierung der Bildinhalte im Genre, die letztendlich an Bedeutung verlieren. Indem Sabine Straßburger diese Fläche ohne Motiv verwendet, macht sie diesen Zusammenhang deutlich. Die Bildfläche mit dem Standardformat als Teil eines anderen Bildes fungiert wie ein Hinweis auf die Widersprüche, die sich in der Erwartung des Betrachters an die Individualität des Bildes ergeben. Sie verweist aber auch darauf, dass sich die Subjektivität und Individualität in den Betrachter hinein verlagert hat. Durch die Verwendung eines historischen Formats bringt Sabine Straßburger zusätzlich eine zeitliche Dimension in das Werk hinein. Wie die Fenster auf dem Bildschirm des Computers wird das zeitliche Nacheinander als Gleichzeitigkeit sichtbar Der Ort des Bildgeschehens wird nicht mehr allein durch die räumliche Definition bestimmt, sondern auch durch eine zeitliche.

zech-nr.40

Nr. 40 [frz. Landschaft]  1998 120x90cm Öl / Leinwand

So wenig die Malerei von Sabine Straßburger mit den aktuellen Bilderwelten auf den ersten Blick zu tun haben mag. so stark lädt sie doch zu einer Reflexion über deren Normen in Bezug auf Inhalt, Zeit und Raum ein. Dieser konzeptionellen Dimension steht die sinnliche gleichwertig gegenüber Eine Sinnlichkeit, die sich in einer langsamen und differenzierten Wahrnehmung des Malerischen erschließt. In dieser Bildfindung können wir der Bilderflut ein Bild entgegensetzen.

Hanne Zech
in Katalog: swb Galerie Band II 2/2000, Bremen, 2000